Das Märchen vom mündigen Bürger

Es war einmal ein kleines Land namens BRD. Eines Tages erfand in diesem beschaulichen Staat ein schlauer Kopf den Begriff „mündiger Bürger“. Damit hoffte man all jene anzusprechen, „die schon länger in diesem Land lebten“ und sich „unserer westlichen Wertegemeinschaft“ zugehörig fühlten.

Schnell verbreitete sich der Begriff in Schulen und Massenmedien. Denn „mündiger Bürger“ klang nicht nur nach demokratischer Mitbestimmung und Verantwortung für „Offenheit und Toleranz“. Sondern auch danach, dass „die Ängste der Menschen ernstgenommen werden.“
Das war den Verantwortlichen im „Bereich Bürgerkommunikation“ sehr wichtig. Jeder sollte den Eindruck haben, dass er im politischen Meinungsbildungsprozess Gehör findet und die jeweilige Meinung des einzelnen Bürgers gleichwertig neben den Meinungen anderer Bürger steht. Der „mündige Bürger“ sollte begreifen, man wolle „die Menschen mitnehmen“ und sie „dort abholen, wo sie stehen.“

Dass diese Reden von Anfang an nicht sonderlich ernst gemeint waren, zeigte sich schon daran, dass neben den „mündigen Bürger“ recht schnell eine zweite Gruppe trat, nämlich die „mündigen Bürger*Innen“. Wenn die Regierung des kleinen Staates BRD also zu Ihren „Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ sprach, dann meinte sie nicht mehr alle gleich, sondern es gab „mündige Bürger*Innen“ und wie man spöttisch sagte „besorgte Bürger“, die „abgehängt“ waren und für die es „keinen Platz in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gibt.“ Wobei die Gruppe der „mündigen Bürger*Innen“ strenggenommen auch nur das nachplapperte, was die Regierung unseres kleinen Landes vorplapperte und damit auch nicht wirklich mündig war. Aber das sind Feinheiten, die uns hier nicht weiter beschäftigen sollen.

Denn eines Tages geschah in unserem kleinen, beschaulichen Land etwas! Eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ war ausgebrochen! Ein Virus, vergleichbar einer Grippe, schwebte durch die Luft unseres Landes und die Herrscherin der BRD sprach von der größten Gefahr seit dem schrecklichen Krieg, der einst die halbe Welt verwüstet hatte. „Die Lage ist ernst, sehr ernst,“ sprach die Herrscherin des kleinen Landes, „nehmen Sie es auch ernst.“

Die beiden großen Fernsehsender unseres kleinen Landes sprachen sogar davon, es würden demnächst Leichenberge die Straßen säumen und ein großer Teil der „mündigen Bürger“ werde sterben müssen, wenn die Regierung nicht endlich „ein Zeichen setze“ und „Maßnahmen“ einleite. Plötzlich meldeten sich überall „Experten“ zu Wort, „die den Ernst der Lage erkannt hatten.“ Aus dem kleinen Virus, den vermutlich niemand bemerkt hätte, wäre nicht im Fernsehen über ihn gesprochen worden, wurde eine ganz große Sache!

Aber es gab in unserem kleinen Land auch Menschen, welche die Rede vom „mündigen Bürger“ wörtlich genommen hatten und ernsthaft glaubten, sie dürften sich eine eigene Meinung bilden. Diese Menschen, die nichts verstanden hatten, erdreisteten sich öffentlich zu behaupten, das Virus wäre nicht gefährlicher als jede andere Grippe, an welcher wie jedes Jahr einige Menschen mit Vorerkrankungen sterben. Es hätte also vollkommen ausgereicht, dass der „mündige Bürger“ eigenverantwortlich auf seine Gesundheit achtet und verantwortungsbewusst versucht, die Ansteckung seiner Mitmenschen zu vermeiden. Dieses Virus hätte also in den Augen dieser unverständigen Menschen die Stunde des „mündigen Bürgers“ sein können, der als erwachsener Mensch eigenverantwortlich handelt.

Doch nun zeigte sich, was viele schon geahnt hatten. Die Rede vom „mündigen Bürger“ war niemals mehr als Gerede gewesen. Für das kleine Land BRD waren die Bürger nicht mehr als unmündige Kinder. Die Verantwortlichen der beiden Fernsehsender hatten schließlich hinter vorgehaltener Hand die Bewohner des Landes schließlich niemals als Bürger bezeichnet, sondern immer nur als „Stimmvieh“, das in die richtige Richtung getrieben werden müsse, um im Wahllokal das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen.

Anstelle also an die Verantwortlichkeit erwachsener Menschen zu appellieren, wurden in unserem kleinen Land die Menschen gezwungen, sich Wollschals um den Kopf zu binden, so als könne man damit Viren abhalten. Aber es ging noch weiter. Um den Menschen zu zeigen, dass sie keine mündigen Bürger, sondern unmündige Kinder sind, verbat man den Menschen sogar aus dem Haus zu gehen und sich miteinander zu treffen. Man schloss die Schulen und die Fabriken. In Supermärkten gab es Einbahnstraßen und wer zum Beispiel an der Kasse bemerkte, dass er die Tüte Äpfel vergessen hatte, durfte nicht einfach schnell zurück, sondern musste noch einmal ganz von vorne einkaufen gehen. Die „Regierenden“ des kleinen Landes bezeichneten das als „Solidarität“.

Jedem, der diese Maßnahmen für übertrieben hielt, wurde überdies unterstellt, „kruden Verschwörungstheorien“ aufzusitzen. Anstelle dem „mündigen Bürger“ also eine eigene Meinung zuzugestehen, zeigte man in den sozialen Medien eine „klare Kante“ gegen „Fake News“ und löschte alles, was den offiziellen Verlautbarungen widersprach.

Langsam dämmerte es auch dem Letzten: Der Begriff des „mündigen Bürgers“ war niemals mehr gewesen, als ein billiges Mittel der „staatsbürgerlichen Erziehung.“ Er war ein Kniff, um den Einzelnen gefügig zu machen, während man ihn gleichzeitig in der Illusion leben ließ, er werde in seiner Eigenverantwortlichkeit ernst genommen und besäße ein echtes Mitspracherecht. Das Virus war also der Tag, an dem das Märchen vom „mündigen Bürger“ starb.

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