Aufstieg und Niedergang der Kulturen

Seit längerem diskutiere ich mit einem befreundeten Palästinenser darüber, ob in Anbetracht der wachsenden Macht Israels für die Palästinenser noch eine Chance auf einen eigenen Staat besteht. Palästina war einstmals das Land, in dem seit circa zweitausend Jahren die Palästinenser leben. Zu keinem Zeitpunkt war die Situation der Menschen dort unproblematisch. Palästina war immer wieder verschiedenen Großmächten unterworfen und wurde mit dem Zerfall des osmanischen Reichs während des Ersten Weltkriegs durch Großbritannien erobert.

Parallel entstand in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den europäischen Juden der sogenannte Zionismus. Ursache waren insbesondere die damaligen Progrome im zaristischen Russland, die zu einer Wanderbewegung von Millionen Ostjuden nach Westen führten und dort Ressentiments auslösten und den eigentlichen modernen Antisemitismus begründeten. (Berühmt wurde als Folge dieser Wanderbewegung beispielsweise das Berliner Scheunenviertel, in dem sich ostjüdische Wohnquartiere mit Jiddisch als Umgangssprache herausbildeten.) Aufgrund dieser Erfahrung, nirgendwo erwünscht zu sein, sahen sich viele jüdische Vordenker veranlasst, nach einer Lösung der sogenannten „Judenfrage“[i]  zu suchen.

Die Antwort der Zionisten auf diese Frage lautete, in Palästina eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes zu errichten und damit den Juden zu einem eigenen Staat zu verhelfen, was die Probleme der Juden in Europa lösen sollte.

Mit der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 wurde hierfür der Grundstein gelegt. Großbritannien erklärte sich darin einverstanden, den Zionisten zu einer eigenen Heimstätte in Palästina zu verhelfen. Damit war der erste Schritt zur Gründung Israels getan und der bis heute anhaltende militante Konflikt um die Verteilung des Landes zwischen Juden und Palästinensern nahm seinen Lauf.

Danach zerfiel sehr schnell das große englische Weltreich und mein Freund wies in unserer Diskussion darauf hin, den Engländer hätte die Balfour-Deklaration nur wenig geholfen, sie hätten am Ende nicht gewonnen, sondern in sehr vielen Punkten verloren.

Als Palästinenser und engagierter, intellektueller Streiter für die palästinensische Sache glaubt er daran, dass auch Israel diesen Konflikt verlieren wird und die Palästinenser doch noch einen eigenen Staat erhalten werden.

Meine Antwort darauf war eher philosophisch:

„Gewinnen und verlieren? Niemand gewinnt am Ende. Kulturkreise kennen Zyklen und Lebensläufe wie alle lebendigen Gebilde dieser Welt. Jugend, Blüte, Reife, Niedergang und Tod. Oswald Spenglers Zyklentheorie der Kulturen, wie er sie in seinem Werk „Der Untergang des Abendlandes“ ausführt hat, wird zwar heute von der Geschichtswissenschaft als unwissenschaftlich abgelehnt, ich glaube aber immer mehr, dass es im Ganzen doch mehr oder minder auf so etwas hinausläuft. Klar wird der Staat Israel auch wieder an Macht verlieren. Aber ob es so schnell geschieht, wie Du Dir das denkst? Israel wirkt doch sehr vital! Möglicherweise wird Israel den Nahen Osten noch mehrere Jahrhunderte dominieren. Bisher ist machtpolitisch kein wirklicher Konkurrent und keine geschlossene Front im Nahen Osten gegen Israel in Sicht. Westeuropa verfällt, aber die USA sind noch lange nicht am Ende ihrer globalen Machtstellung (aber der Zenit scheint überschritten) und Obama und noch deutlicher Trump stehen eindeutig auf Seiten Israels. Die Chinesen werden ganz sicher in Zukunft als neue Weltmacht kommen, vielleicht auch ganz Südostasien. Aber warum sollten diese gegen Israel Front beziehen?

Oswald Spengler (c) Bundesarchiv, Bild 183-R06610 / CC-BY-SA 3.0

Was möglicherweise kommen wird, ist ein neuer islamischer Machtbereich im zerfallenden Westeuropa. Hieraus könnte ein sehr mächtiger Gegenpol zu Israel entstehen. Ein islamisches Europa könnte Israel gefährlich werden. Daher vielleicht die von Dir unterstellte Unterstützung des europäischen „Rechtspopulismus“ durch Israel.

Aber das alles sind Szenarien, deren Gestaltwerdung wir wenn, dann nur noch als alte Männer erleben werden. Vorerst ist aber kein Ende der Dominanz Israels in Sicht. Und dennoch wird Israel am Ende verlieren, wie die Engländer, die Azteken, die Römer, die Spartaner und das antike Ägypten verloren haben. Aber die Engländer, die Azteken und die Spartaner haben sich lange gehalten und warum sollten die Israelis nicht auch einige Jahrhunderte zentraler Machtfaktor zumindest im Nahen Osten sein? Wer will ihnen das machtpolitisch streitig machen? Ihre Waffen sind besser, ihre Medienpolitik ist besser, ihre Geheimdienste sind besser, ihre Diplomatie ist besser, als die der Palästinenser. Erst mal sind die Israelis oben und bleiben es auch.

Herzlich

Benjamin Kaiser

[i] Das Wort „Judenfrage“ bezeichnete ursprünglich die Suche der Juden nach einer politische Lösung ihrer Probleme mit Nichtjuden.

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