Labyrinthe im Christentum I

Das Labyrinth als Weg zu Gott

Die ersten Labyrinthe entstanden vor circa 5000 Jahre Jahren. Archäologisch belegbare Beispiele finden sich in Galicien (Spanien) und Goa (Indien). Natürlich lässt sich die Verwendung von Kreissymbolen und Spiralen nochmals für einen größeren Zeitraum nachweisen. Hier soll jedoch nur von Labyrinthen im eigentlichen Sinn die Rede sein. Dies sind auf den ältesten Darstellungen Muster in der Ebene mit einem einzigen Pfad, der entweder in das Zentrum eines Kreises oder wieder zurück zum Ausgang führt.

Irrgarten

Zum Begriff des Labyrinths:

Labyrinthe sind keine Irrgärten. Irrgärten enthalten Sackgassen, Kreuzungen und Kreiswege. Es ist bei einem Irrgargen im Gegensatz zum Labyrinth möglich, sich zu verlaufen und nicht wieder aus dem Irrgarten heraus zu finden. Labyrinthe hingegen haben immer ein Ziel und einen einzigen Weg, um zu diesem Ziel zu gelangen.

In christlichen Kirchen finden sich Labyrinthe seit der Spätantike. Wenige Jahre, nachdem Konstantin den christlichen Glauben im Römischen Reich legalisierte, entstand im Jahr 324 nach Christus in der Reparatusbasilika in Algerien ein erstes Labyrinth.[1] Im Zielpunkt fanden sich die Worte „sancta eclesia“ (Heilige Kirche). So hatte die „Christianisierung“ des Labyrinths im 4. Jahrhundert ihren Anfang genommen.

Ein paar Jahrhunderte später wurden Labyrinthe bereits als Illustrationen in Manuskripten verwendet. Im 8. Jahrhundert wandelte sich das Labyrinth dabei von seiner klassischen Form mit sieben Kreisläufen (siehe Bild) hin zu seiner in christlichen Kirchen am meisten vertretenen Form mit elf Kreisläufen und einem Zentrum. Seinen klassischen Ausdruck findet das christliche Labyrinth in der Kathedrale von Chartes, die Anfang des 13. Jahrhunderts entstand.[2]

Schema des Labyrinths von Chartres Ssolbergj [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Das Labyrinth nahm nun eine reine Kreisform an. Der zwölfte innere Kreis in Rosettenform bildet dabei das Zentrum und steht symbolisch für Gott, während sein Umfang, als Kreis ohne Anfang und Ende, die Unendlichkeit symbolisiert. Die inneren Windungen des Labyrinths bilden ein Kreuz als Symbol für das Leiden und die Auferstehung Christi. Die wiederum um das Labyrinth herum angebrachten mondförmigen Einbuchtungen dienen als Mondkalender zur Berechnung des Osterfestes.

Die umlaufenden Wege des Bodenmosaiks in Chartres sind 34 cm breit, grau wie der umliegende Steinboden und durch schwarz-blaue Marmorstreifen getrennt. Der Durchmesser des Labyrinths beträgt über 12 Meter. Durchläuft man das Labyrinth vom Eingang bis zur Mitte, legt man einen Weg von fast 262 Metern zurück.

In gotischen Kathedralen liegt der Eingang des Labyrinths im Westen, in Richtung der aufgehenden Sonne, was Hoffnung und Neugeburt durch die Taufe symbolisiert. Dieses Labyrinth wurde von den Pilgern entweder durchlaufen oder auf den Knien durchrutscht. Dabei stand das Kreuz im Mittelpunkt der Erfahrung. Alle Wendungen des Weges, den die Läufer im Labyrinth ablaufen, sind um dieses Kreuz herum angeordnet. Jedes Mal, wenn ein Labyrinthläufer an das Kreuz stößt, wird er zur Umkehr gezwungen.

Kathedrale von Chartres

Auch die elf Kreiswege des Labyrinths sind symbolisch zu verstehen. Die Zahl Elf gilt im Christentum als Zahl der Unvollkommenheit. Nachdem Judas Iskariot von den Jüngern Christi abfiel und Jesus verriet, blieben nur noch zwölf Jünger übrig und ein neuer Jünger musste erwählt werden, um die Zahl wieder voll zu machen. Entsprechend wird auch die Zwölf als Zahl der Vollkommenheit (Apostel und Monate) erst erreicht, wenn der Labyrinthläufer ins Zentrum vordringt. Der Mensch erfährt also, während er das Labyrinth durchläuft, seine Unvollkommenheit. Erst wenn er das Zentrum (= Einkehr zu Gott) findet, erlangt er Vollkommenheit.

Das Labyrinth hat 34 Kehren, das heißt, vierundreißig Mal muss der Pilger sich am Kreuz stoßen und umkehren, wenn er den Weg ins Zentrum abschreitet. Ist er aber ins Zentrum gelangt, muss er jedoch zurückkehren und die Mitte wieder verlassen. Die Einkehr in Gott ist in dieser Welt immer nur vorübergehend.

Das Labyrinth kann also in diesem Sinne als ein begehbarer Erfahrungsweg zu Gott verstanden werden, als ein leicht zugängliches und dabei zugleich konkret erfahrbares Symbol für den menschlichen Lebensweg.

[1] Robert D. Ferré: Church Labrinths. Questions & Answers regarding the history, relevance, and use of labyrinths in churches. St. Louis, 2013. S. 5.

[2] Ebd. S. 6 f.

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