Vom Verlust des Ethos

Bereits 1981 sah Alasdair MacIntyre den Westen in „After Virtue“ auf einen epochalen Zusammenbruch zusteuern. Eine Ursache hierfür erkannte er in der Auflösung eines gemeinsamen Ethos in den liberalen Demokratien. Er macht dies u. a. am Begriff der „Gerechtigkeit“ fest, für den sich keine gemeinsame Definition mehr findet.

Er nennt zwei Beispiele, die ich auf unsere heutige Zeit übertrage:

Person A ist Facharbeiter in einem Zulieferbetrieb der Autoindustrie. Er empfindet es als ungerecht, dass er sich aufgrund der hohen Steuern und Abgaben kein Eigenheim für seine vierköpfige Familie leisten kann. Ebenfalls als ungerecht empfindet er sowohl die hohen Energiekosten aufgrund der klimapolitisch bedingten Energiewende, als auch, dass Flüchtlinge Sozialleistungen und eine Krankenversicherung erhalten. Er ist überzeugt, dass das von ihm erwirtschaftete Geld hauptsächlich seiner Familie und ihm zufließen sollte. Auch fürchtet er, dass sein Betrieb seinen Standort in Deutschland bald schließen und nach Ungarn verlegen könnte. Deswegen engagiert er sich in der AfD.

Person B stammt aus einer wohlhabenden Familie und arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium. Er empfindet es als ungerecht, dass Flüchtlinge in Deutschland nur mit dem Nötigsten versorgt werden. Er kämpft daher für eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes in Deutschland. Ebenfalls als ungerecht empfindet er, dass Menschen auf der Flucht mitunter gefahrvolle Wege zurücklegen müssen, bis sie endlich nach Deutschland gelangen. In seinen Augen ist es ebenfalls sehr ungerecht, dass Betriebe so wenig zur Verhinderung des Klimawandels leisten. Er setzt sich daher für höhere Steuern und Abgaben ein und engagiert sich bei den Grünen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert